Die 5-Minuten-Terrine – Ein Kurzinterview mit Bryan Baugh

 

Liebe Monstergemeinde. Heute machen wir mal eine ungewöhnliche Reise hinter die Kulissen in die Welt der TV-Animations-Serien. Der US-Storyboard-Künstler Bryan Baugh war maßgeblich an so großen Fantasy-Projekten wie „Men in Black“, „He-Man and the Master of the Universe: Wie alles begann“, „Teenage Mutant Ninja Turtles“, „The Batman“ oder „Transformers: Prime“ beteiligt. Er arbeitete für große Player wie „Sony Television Animation“, „Warner Bros. Entertainment“, „Walt Disney“ und „Hasbro“. Baugh ist auch Schöpfer, Schriftsteller und Künstler einer Vielzahl von Horror-Comic-Büchern und Graphic Novels. Wir sind sehr stolz, dass wir ihn heute für einige Fragen gewinnen konnten.

 

 

 

MMM: Mr. Baugh, zunächst einmal vielen Dank für Ihre Zeit. Bitte stellen Sie sich doch unseren Lesern einmal vor und erzählen Sie uns, wie Ihre Karriere begann.

 

BB: Kein Problem. Danke für euer Interesse an meiner Arbeit. Ich zeichne schon so lange, dass ich mich tatsächlich nicht daran erinnern kann, wann genau ich damit angefangen habe. Es ist einfach etwas, was ich schon immer gemacht habe, seit dem ich ein Kind war. Es war für mich nie wirklich eine Frage, was ich als Erwachsener tun wollte. Ich hatte nicht die Fähigkeiten oder die Geduld für irgendetwas anderes als mit dem Stift zu hantieren. 


Mit 27 Jahren fing ich an im TV-Animationsgeschäft zu arbeiten. Zu dieser Zeit war ich jedoch primär daran interessiert, Künstler für Comic-Bücher oder Illustrationen zu werden. Zu diesem Zeitpunkt war die Animationskunst für mich eher die zweite oder dritte Wahl. Doch nach ein paar Jahren, in denen es wirklich schwer war, als freischaffender Künstler für Comics und Kinderbücher zu arbeiten, wurde mir klar, dass diese Sparte für all die harte Arbeit und die langen Stunden, die man in sein Schaffen investierte, nicht genug Geld abwarf. Inzwischen hatte ich ein paar Freunde, die in das Animationsgeschäft eingestiegen waren und im Vergleich zu mir wesentlich besser bezahlt wurden. Ich hatte den Traum, vielleicht eine Familie zu gründen und eines Tages ein Haus zu kaufen, und es wurde immer offensichtlicher, dass das Einkommen als freiberuflicher Illustrator und Comic-Zeichner nicht ausreichte würde, um meine privaten Träume zu finanzieren. Zu diesem Zeitpunkt ging es also um Geld und um Lebensqualität. Meine Freunde haben mir dann seiner Zeit geholfen, einen Job in der Animationsbranche zu ergattern. Die ersten Jahre waren hart, weil das Zeichnen von Storyboards nicht nur eine Frage des guten Zeichnens ist. Es gibt ein ganzes System visueller Storytelling-Regeln, die man erlernen und befolgen muss, damit Storyboards technisch korrekt sind und ordentlich funktionieren. Zuerst fühlte sich dieser ganze Lernprozess an, als würde ich durch ein Minenfeld laufen. Bei jedem Schritt wies mich jemand darauf hin, irgend etwas falsch gemacht zu haben. Zum Glück gab es viele Leute, die mich mochten und geduldig genug waren, um mir genug Chancen zu geben, bis ich den richtigen Dreh dahingehend schlussendlich raus hatte. Irgendwann machte es KLICK, und alles machte Sinn und wurde zu meiner zweiten Natur. Seit diesem Moment machte es einfach nur noch riesigen Spaß. Ich habe mich in die Animation verliebt und würde rückblickend keinen anderen Karriereweg wählen.

 

MMM: Bitte nehmen Sie uns mit auf eine kurze Reise in die Entstehungsgeschichte moderner Animationskunst. Wie groß ist Ihre kreative Freiheit und wie viel ist tatsächlich noch “von Hand” gemacht? 

 

BB: Nun, eine animierte Produktion erfordert einen riesigen Personalstab in den verschiedensten Abteilungen. Ich bin nur ein Teil dieser langen Montagelinie. Ich bin ein Storyboard-Künstler, also gewissermaßen der Architekt dieser Projekte, der die Blaupausen zeichnet, aus denen später das „fertige Haus“ gebaut wird. Aber es gibt viele Leute, die involviert sind, bevor ich an Bord komme (die Designer, etc.). Und nachdem ich meinen Teil der Arbeit erledigt habe, gibt es Leute, die dann gegebenenfalls noch einmal auf mich zukommen, um mit mir gemeinsam möglicherweise Revisionen oder Änderungen an meiner Arbeit vorzunehmen und um sie an ihre Bedürfnisse anzupassen; und schließlich folgen die eigentlichen Animatoren, die dann die Serie oder den Film erstellen, wie sie letzten Endes auf eurem Bildschirm zu sehen ist. Die finale Animation basiert somit zum einen auf den Storyboards, die von Leuten wie mir gezeichnet werden, und zum anderen auf der Arbeit der Leute, mit denen ich im finalen Prozess arbeite, und den Änderungen, die dazwischen vorgenommen wurden.

 

Was die zur Anwendung kommenden Werkzeuge angeht, mit denen ich arbeite, so habe ich bereits seit 2008 keine Animations-Storyboards mit Bleistift mehr auf Papier gebracht. In diesem Jahr wurde die gesamte Branche digitalisiert. Vor dieser Zeit zeichnete ich Storyboards mit einem sogenannten „Cintiq“ und einem Programm namens „Toon Boom Storyboard Pro“.

 

MMM: Sie schreiben und illustrieren wunderbare Comic-Bücher, Kinderbücher und Graphic Novels. Stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn Sie die Chance hätten, eines Ihrer Bücher als echten Spielfilm mit reellen Schauspielern für die große Leinwand zu adaptieren. Welche Geschichte wäre das, und wen würden Sie dafür besetzen?

 

BB: Um ganz ehrlich zu sein, ich denke nie über solche Dinge nach. Ganz einfach weil ich weiß, wie super selten sich so eine Gelegenheit tatsächlich ergibt. In über 20 Jahren Animationsarbeit habe ich viele erfahrene, hoch angesehene Leute aus der Branche kennengelernt, die versucht haben, ihre eigenen Ideen für eine TV-Show an ein Studio oder an ein Fernsehsender zu verkaufen, aber ich kann mich nur an ein oder zwei Projekte erinnern, die tatsächlich auch abgenickt und in eine Show umgewandelt wurden.

 

Diesbezüglich erzähle ich euch eine kleine Geschichte, die mir vor ungefähr zehn Jahren passiert ist. Ich wurde von einem Drehbuchautor kontaktiert, der für Oliver Stone arbeitete. Er sagte, er habe meine Comic-Serie WULF AND BATSY entdeckt und interessiere sich für die Entwicklung eines Drehbuchs für eine Live-Action-Filmversion. Ich war damals schon realistisch genug um zu wissen, wie schwierig dieses Unterfangen sein würde, aber er meinte es ernst und hat wirklich alles dafür getan, um diese Idee in die Tat umzusetzen. Die Tatsache, dass er zu dem Zeitpunkt bereits eine seriöse Karriere inne hatte und in der Vergangenheit andere namhafte Skripts an die hiesigen Studiobosse verkaufen konnte, ließ das Ganze hoffnungsvoll erscheinen, und ich wunderte mich über das stetige Fortkommen bezüglich des Projektes. 


Wir waren uns einig, dass nur eine einzige Person meine Hauptfigur „Batsy“ spielen konnte: eine Schauspielerin namens Krysten Ritter, die zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich unbekannt war. Kurz darauf ergatterte sie eine Nebenrolle in „Breaking Bad“ und ihre Karriere ging direkt ab wie eine Rakete. Sie bekam immer größere Rollen zugesprochen und spielte später ironischerweise sogar eine noch viel berühmtere Comicfigur in einer Marvel-Serie. Nach kurzer Zeit wurde sie "wahrscheinlich zu groß für uns". Aber zu dem Zeitpunkt spielte es bereits keine Rolle mehr, weil der besagte Autor einige persönliche Probleme durchlebte, die sein Leben auf den Kopf stellten, und ihn von seinem Schreiben Abstand nehmen ließ. Das Filmkonzept von WULF AND BATSY verblasste immer mehr, und als der Autor endlich wieder mit dem Schreiben begann, konzentrierte er sich auf neue Ideen für andere Projekte. Und das war dann das Ende dieser Geschichte.

 

 

 

MMM: Auf Ihrer Website www.cryptlogic.net können wir all Ihre tollen Werke bewundern und schnell wird klar, dass Sie ein riesiger Monsterfan sind und ein großes Herz für Klassiker wie CREEPSHOW oder TEXAS CHAINSAW MASSACRE haben. Sie waren auch als Kameraassistent in der Kultklassikerserie PHANTASM involviert. Können Sie sich noch an Ihre erste Horrorfilm-Erfahrung in der Kindheit erinnern? 

 

BB: Als ich in den 70-er Jahren ein kleines Kind war, gab es eine Fernsehreihe namens SHOCK THEATRE. In der Gegend von Dayton, Ohio, wo ich aufgewachsen bin, lief die Show sowohl samstags nachmittags, als auch samstags in der Nacht. Die Nachtversion hieß SATURDAY NIGHT DEAD um den Bezug zu SATURDAY NIGHT LIVE herzustellen und sich ein wenig darüber lustig zu machen. Sie wurde von einem ganz wunderbaren Mann namens „Doctor Creep“ gehostet (sein richtiger Name war Barry Hobart) und zeigte alle alten klassischen Schwarzweiß-Horrorfilme der 30-er und 40-er Jahre. Alles von DRACULA und FRANKENSTEIN, bis zu DER WOLFSMENSCH, KING KONG und GODZILLA. „Doctor Creep“ erschien jeweils vor und nach den Filmen und während der Werbepausen und machte verrückte Witze. Mein Vater schaute diese Show regelmäßig mit mir und ich wurde regelrecht süchtig danach. Ich hatte nie Angst vor all den Monstern, ich war immer nur fasziniert von ihnen. Und ziemlich bald fing ich an, sie auch zu zeichnen.

 

MMM: Erzählen Sie uns zum Schluss doch ein wenig über das, was im Moment so bei Ihnen in der Pipeline steckt. Worauf können wir uns freuen?

 

BB: Wie ich bereits erwähnte, arbeite ich seit dem Jahre 2000 stetig an meiner Comic-Serie WULF AND BATSY. Es ist wirklich mein ganzer Stolz und meine größte Freude. Die dritte WULF AND BATSY-Serie ist eine epische, 8-teilige Story namens MAGNUM ORGUS. Es ist bisher meine beste Arbeit und umfasst 500 Seiten. Während ich diese Zeilen schreibe, wird gerade das erste Kapitel dieser Serie auf „ComiXology“ veröffentlicht. Weitere Kapitel werden in den nächsten 8 Monaten veröffentlicht. Jetzt ist also für euch als Leser der perfekte Zeitpunkt, um an Bord zu springen und in die Story einzusteigen, würde ich sagen :)

 

Hier ist der Link dazu: www.comixology.com/Wulf-and-Batsy/comics-series/88192??tid=s170419_share_tw_Wulf_and_Batsy&utm_medium=cmx_homepage&utm_source=share_tw&utm_campaign=s170419_share_tw_Wulf_and_Batsy

 

Außerdem habe ich vor kurzem eine PATREON-Seite ins Leben gerufen, auf der ich viele bisher unveröffentlichte Kunstwerke und monatliche Sneak-Previews zu einem neuen Comic-Projekt mit dem Titel THE YOUNG NECROMANCERS veröffentlichen werde. Hier ist auch dieser Link: www.patreon.com/BryanBaugh

 

MMM: Das klingt super. Wir freuen uns auf alles, was Sie noch künstlerisch so "ausbrüten" werden. Alles Gute wünscht MMM.

 

Interview © 2019