Die 5-Minuten-Terrine - Ein Kurzinterview mit Joanna Cassidy

 

Die am 2. August 1945 in Haddonfield (!) geborene Schauspielerin Joanna Cassidy begann ihre Karriere mit kleinen Rollen in international beliebten Fernsehserien wie "Kobra, übernehmen Sie", "Starsky & Hutch" oder "Drei Engel für Charly". 

 

1982 gelang ihr der große Kino-Durchbruch mit Ridley Scotts Sci-Fi-Meisterwerk "Blade Runner", in dem sie die toughe Replikantin ZHORA spielte. Diese Rolle war nicht sehr groß, jedoch war sie geprägt von geradezu philosophischer Emotionalität. Cassidys Auftritt in dem Kultklassiker ging in die Kinogeschichte ein.

 

Von da an ging es permanent bergauf mit ihrer Karriere. Bis heute ist sie aktiv und spielte in nahezu 170 (!) Rollen für Kino & TV verschiedenste Charaktere. Die Liste der Kolleginnen und Kollegen, mit denen oder für die sie vor der Kamera stand, liest sich wie das "Who is Who" der ersten Hollywood-Liga. Michael Caine, Eddie Murphy, Uma Thurman, Christopher Plummer oder Keanu Reeves waren ihre Begleiter.

 

Igor hatte die große Ehre mit der wundervollen Dame ein sehr entspanntes Telefon-Interview zu führen (sein erstes übrigens) und konnte feststellen: Replikanten sind die besseren menschen :) Das Interview liegt nun hier sowohl schriftlich und ins Deutsche übersetzt für euch vor, als auch im englischen original als MP3-Datei am Ende der Seite. Viel Spaß!

 

 

MMM: Ms. Cassidy, erst einmal vielen dank für Ihre Zeit. Lassen sie uns mit einer wichtigen und emotionalen Frage beginnen: Ihr allererster Kinobesuch. Erinnern sie sich daran? Erzählen Sie uns doch bitte davon.

 

JC: Oh ja, ich erinnere mich daran. Ich muss 4 oder 5 Jahre alt gewesen sein, als wir loszogen um "Schneewittchen und die 7 Zwerge" zu schauen, und ich erinnere mich daran, dass ich mich bezüglich der Hexe zu Tode fürchtete. Ansonsten habe ich lediglich Erinnerungsfetzen an dieses Ereignis. Ich weiß nur noch, dass es magisch war, den kleinen Charakteren auf der riesigen Leinwand bei ihrem Treiben zuzuschauen. Das war schon sehr aussergewöhnlich.

 

MMM: Bis heute spielten Sie nahezu 170 (!) Rollen fürs TV und die große Leinwand. 

 

JC: Wie viele?

 

MMM: 170! Die Info habe ich aus der IMDB. Ich hoffe, sie ist korrekt.

 

JC: Echt? Ja, ich denke schon. Das hat mir letztens schon einmal jemand gesagt und ich konnte es einfach kaum glauben.

 

MMM: Jetzt muss ich zunächst tief Luft holen, um zumindest mal einige Filmlegenden zu nennen, mit denen Sie zusammengearbeitet haben: Karen Black, Harrison Ford, James Garner, Bob Hoskins, Lily Tomlin, Robin Williams...

 

JC: Vergessen Sie nicht Peter O'Toole!

 

MMM: Nein nein, ich habe eine ganz lange Liste mit namen hier vor mir liegen. Die kann ich einfach überhaupt nicht alle vorlesen. Wes Craven, Angela Basset, John carpenter, Gene Hackman ... Wir wissen, diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, aber können Sie uns ein oder zwei Projekte oder Kollegen/Kolleginnen nennen, die einen besonderen Platz in Ihrem Herzen haben?

 

JC: Gene Hackman war wirklich unglaublich. Er war so brillant in dem, was er tat. Und wir hatten einige wirklich lange Szenen miteinander. Zweimal standen wir gemeinsam vor der Kamera und ich denke, wenn es seiner Zeit nicht das Ende seiner Karriere gewesen wäre, da er sich aus dem Business zurückzog, hätten wir mit Sicherheit noch öfter zusammengearbeitet. Es war sehr angenehm mit ihm zu arbeiten und ich denke, das beruhte auf Gegenseitigkeit. 

 

 

MMM: Natürlich müssen wir Sie bezüglich Ridley Scotts Sci-Fi-Kult-Klassikers "Blade Runner" befragen. Können Sie uns die persönliche Geschichte dahinter erzählen? Wie sind Sie an die Rolle gekommen und was fühlen Sie, wenn Sie an die Zeit zurückdenken?

 

JC: Zum einen hatte ich das glück auf meiner Seite, zum Anderen war ich aber wohl auch die einzige Schauspielerin seiner Zeit, die man für die Rolle besetzen konnte, denn ich war die Einzige in der Stadt, die eine Schlange besaß. Allerdings habe ich natürlich auch wirklich so richtig für die Rolle vorgesprochen. Ich habe sie nicht einfach so bekommen. Ridley und ich trafen uns, wir redeten und es passte einfach. Das alles war halt zu einer Zeit, als Regisseure die Freiheit hatten zu sagen: Ich mache den Film nur dann, wenn ich mit dem oder dem zusammenarbeiten kann. heutzutage entscheiden ganze Gremien über diese Sachen. Es ist nicht einfach.

 

MMM: merkt man eigentlich irgendwie tief im inneren, wenn man gerade etwas "Besonderes" dreht? Hat man das Gefühl dafür, dass das ein oder andere Projekt eventuell mal zu einem Klassiker werden könnte, noch während man vor der Kamera steht?

 

JC: Na ja, gerade als junge Schauspielerin macht man sich darüber keine großen Gedanken. Man ist ja auch nicht so tief in das Ganze involviert wie z.B. jemand, der den Film dann später vertreibt, oder jemand, der Regie führt. Ich meine, ich war an so vielen Filmen beteiligt, die zu "Klassikern" wurden, wie z.B. "Falsches Spiel mit Roger Rabbit", aber sie sind ja letzten Endes alle erst einmal als Kassenschlager konzipiert. Also ich würde sagen: Nein, man spürt das nicht, ob ein Film ein großer Kult-Hit oder zu einem Flop wird. Ich wundere mich ja selbst manchmal. Nehmen Sie z.B. aktuell die Komödie "Crazy Rich Asians" (Anm.: Der Film erreichte 2018 Platz 1 in den US-Kinocharts). Wir liebten den Film, alle liebten ihn - nur nicht die Chinesen. Ein Film, der in erster Linie das asiatische Publikum anspricht, ist dort gnadenlos gefloppt.

 

MMM: haben Sie am Ende dieses Gesprächs eine persönliche Nachricht an Ihre deutschen Fans?

 

JC: Wir waren vor ein paar Jahren in Oldenburg auf einem Filmfestival. Dort wurde u.A. auch ein Film von mir gezeigt. Es macht mich immer wieder stolz, euch besuchen zu dürfen. Ihr seid wirklich unglaublich. Ihr seid enthusiastische Kinogänger und Filmliebhaber. Ich mag es euch zu treffen, mit euch zu reden, mit euch zu lachen, mit euch zu trinken. Ich hoffe, ich mache euch noch lange Freude mit meinem Filmschaffen.

 

MMM: Können Sie uns denn vielleicht auch noch sagen, auf was wir uns demnächst freuen können?

 

JC: Es erscheint im Februar eine 10-teilige Serie mit dem Titel "Too old to die young" mit Miles Teller und John Hawkes. Eine wirklich sehr abgedrehte und düstere Serie. Ich spiele dort keinen sehr großen Part, aber ich hoffe, er bleibt trotzdem in den Köpfen der Zuschauer haften. Und dann spiele ich demnächst noch die Mutter von Comedian denis Leary in einem TV-Film. danach schauen wir mal, was als Nächstes passiert.

 

MMM: OK, vielen Dank für die nette Beantwortung unserer Fragen. Das waren wahrscheinlich für Sie jetzt ganz normale 10 Minuten in ihrem Leben, für mich und Ihre deutschen Fans war es jedoch ein ganz besonderer Moment. Eine nette Umarmung sende ich aus Deutschland und bedanke mich für Ihre Zeit. 

 

JC: Ich umarme euch zurück. Danke und alles Gute!

 


Download
Interview mit Joanna Cassidy
Das ungekürzte Live-Telefon-Interview mit Joanna Cassidy im englischen Original, geführt von Igor am 04. Dezember 2018
Interview-Joanna-Cassidy.mp3
MP3 Audio Datei 7.9 MB