WTF:

 

Der Schweizer Arzt Victor Frankenstein (Kenneth Branagh) erschafft aus Leichenteilen ein neues Wesen (Robert de Niro). Verschmäht und verachtet durch die Menschheit versucht das Wesen seine Stellung in der Welt zu finden. Das ist aber alles andere als einfach.

 

Butter bei dem Fisch - Balthasars Meinung:

 

Bildgewaltiges Stück Kunsthorrorkino.

 

Ich setzte, bevor es weitergeht, den Film hier in ein ganz anderes Licht als die Verfilmung von 1931. Das Original (obgleich bereits der Film "DER GOLEM WIE ER IN DIE WELT KAM" aus dem Jahre 1920 einiges vorwegnahm) bleibt unerreicht in seiner Art und hat seinen Platz im ewigen Gruselfilm-Olymp. Kenneth Branagh war in der 90ern ein Regisseur der neben kleineren Produktionen schon damals aufkommen ließ, was er heute mit THOR (2011) oder SHADOW RECRUIT (2014) vollbrachte: erzählerisches Bombastkino mit allerlei Anleihen bei klassischen Stoffen. Sei es Literatur oder Mythologie.

 

Branagh hat allerdings immer ein Leitthema in seinen Filmen: die Komplexität von familiären Zusammenleben und der Menschwerdung. Dieser Film hier ist quasi der Anfang seines fantastischen Schaffens. Und der kommt gewaltig: enorme Austattungsorgie und Kamera (mit viel Symbolik und Metaphern), majestätisch gedreht (so u.a. mit einer sehr pompösen Musik von Patrick Doyle) und allem voran überragende Darsteller (natürlich ohne Frage die Leitfigur in diesem Film schlechthin: Robert de Niro).

 

 

Das „Frankenstein“-Motiv (der Mensch spielt Gott spielt und erschafft sein eigenes Monster) wäre hier zu oberflächlich betrachtet. Der Film geht viel tiefer in die menschlichen Urängste und die Psyche ein. All das, was die Kreatur macht, macht sie nur um zu (über)leben und als Mensch anerkannt zu werden und nicht als erschafftes „Wesen“. Jedes Lebewesen das denken kann braucht Freunde, Familie, Liebe und genau das versucht es zu finden. Es will akzeptiert werden, doch es scheitert an den Urängsten der Menschen vor dem Unbekannten.  Nur weil jemand anders ist, heißt es ja nicht, dass es ein nicht-liebendes Individuum sein muss. Die Angst des Menschen vor dem Unbekannten Subjekt (welches vielleicht viel mehr vom Menschlichkeit weiß, als der Mensch als solches) ist ein Thema des Films.

 

Tod, Vergänglichkeit, Geburt, Sex sind die anderen Themen des Films. Man spürt eine unmittelbare Erotik in den Film. Die Erschaffung der Kreatur gleicht einem monströsen Geschlechtsakt: die Beziehung zwischen Victor und Elizabeth oder später die Beziehung zwischen Elizabeth und der Kreatur. Im Grunde ist der Film eine abstruse & wunderbare Liebesgeschichte. 

 

***Spoiler: Das Monster sucht verzweifelt nach Liebe und die findet sie nur in der toten Elizabeth, die in der Hochzeitsnacht stirbt. Aus Liebe flickt Victor sie im Auftrag der Kreatur wieder zusammen, und schließlich sterben beide an der Liebe zu ihr. So ist der Mensch das Monster - die Kreatur, die an etwas zerbricht, was er eigenhändig erschuf. Quasi die Zerstörung des eigenen „Ichs“ durch die Unsicherheit vor sich selber und durch die Angst zum Unbekannten. Ein einfach großartiger Film und zudem der erste bei dem ich als jugendlicher Bub eine Träne vergoss (die Szene, in der die Kreatur von seiner „Ziehfamilie“ ausgestoßen wird).***